Inhalt:
Mehr als 70.000 Händler nutzen nach Angaben des chinesischen Handelskonzerns JD.com inzwischen KI-gestützte digitale Moderatoren in Livestreams. Die virtuellen Hosts präsentieren Produkte, beantworten Fragen und können rund um die Uhr eingesetzt werden. Während solche Systeme in China bereits im Alltag großer Plattformen angekommen sind, arbeiten Google und Microsoft an digitalen Assistenten, die Nutzer durch Suchanfragen, Aufgaben und Anwendungen begleiten sollen.
Dabei gehören Livestreams seit Jahren zu den erfolgreichsten Formaten im Gaming, während Streaming-Anbieter neue Möglichkeiten suchen, Zuschauer stärker einzubinden. Die Beispiele stammen aus unterschiedlichen Branchen. Dennoch kreisen sie um eine ähnliche Frage: Könnten digitale Dienste künftig stärker über Moderatoren, Hosts, Assistenten oder andere Begleiter vermittelt werden als über klassische Menüs und Suchfelder?
Wer verstehen möchte, warum Echtzeitformate heute eine so große Rolle spielen, landet schnell in der Gaming-Welt. Lange bevor Livestream-Shopping oder KI-Moderatoren Schlagzeilen machten, bauten Plattformen wie Twitch oder YouTube Gaming ihr Angebot rund um Live-Inhalte auf. Für viele Zuschauer steht dort nicht allein das Spiel im Mittelpunkt. Ebenso wichtig sind die Personen vor der Kamera, ihre Kommentare, die Reaktionen der Community und der direkte Austausch im Chat. Livestreams verbinden Unterhaltung mit sozialer Interaktion. Zuschauer können Fragen stellen, auf Ereignisse reagieren oder gemeinsam mit anderen Fans eine Übertragung verfolgen.
Das Reuters Institute verweist in seinem Bericht zu den Medien- und Technologietrends 2026 auf die wachsende Bedeutung von Creatorn und persönlichen Marken. Aufmerksamkeit konzentriert sich zunehmend auf einzelne Persönlichkeiten, die eine eigene Community aufbauen und über verschiedene Plattformen hinweg Reichweite erzielen. Die Gaming-Branche hat damit früh gezeigt, dass digitale Angebote nicht zwangsläufig auf Abrufinhalten basieren müssen. Für Millionen Nutzer gehört die Teilnahme an Live-Formaten längst zum Alltag.
Längst beschränkt sich dieses Prinzip nicht mehr auf Spieleplattformen. Livestream-Commerce hat sich insbesondere in China zu einem bedeutenden Markt entwickelt. Produkte werden dort nicht nur präsentiert, sondern in Echtzeit erklärt, bewertet und diskutiert. Auch klassische Streaming-Anbieter suchen nach zusätzlichen Möglichkeiten, Zuschauer einzubinden. Medienberichte über die strategische Neuausrichtung von Paramount verweisen auf eine stärkere Verzahnung von Streaming, Kurzvideoformaten und neuen Werbemodellen. Ziel ist es unter anderem, Nutzer länger innerhalb der eigenen Angebote zu halten.
Selbst Sportübertragungen werden zunehmend von digitalen Zusatzangeboten begleitet. Echtzeitstatistiken, Community-Funktionen, Creator-Inhalte oder spezielle Inhalte für mobile Endgeräte gehören bei vielen Veranstaltungen inzwischen zum Gesamtpaket.

Ein weiteres Beispiel findet sich im Online-Glücksspiel. Dort haben sich Live-Dealer-Angebote zu einem festen Bestandteil vieler Plattformen entwickelt. International zählt das Live-Casino zu den am schnellsten wachsenden Bereichen des Online-Glücksspiels. Moderne Plattformen ermöglichen HD-Streams und mobile Nutzung. Auch im DACH-Raum, besonders in Österreich und der Schweiz gehören Live-Casino-Angebote bereits zum regulierten Markt, während das Angebot in Deutschland aufgrund strengerer Zulassungsregelungen bislang deutlich kleiner ausfällt.
Sport Österreich erklärt Casino Alternativen ohne deutsche Lizenz und erläutert das Angebot beliebter Plattformen. Statt ausschließlich computergenerierte Spielumgebungen zu nutzen, übertragen Betreiber hierbei reale Roulette- oder Blackjack-Tische per Livestream. Moderatoren führen durch die Spiele und kommunizieren mit den Teilnehmern. Ergänzt werden diese Angebote häufig durch sogenannte Live-Game-Shows, die sich sichtbar an Fernsehproduktionen orientieren.
Die einzelnen Märkte unterscheiden sich deutlich. Gemeinsam ist ihnen jedoch der Versuch, digitale Angebote um eine menschliche oder menschenähnliche Komponente zu ergänzen.
Besonders weit geht diese Entwicklung derzeit in China. Dort treten virtuelle Moderatoren nicht mehr nur als technische Demonstrationen auf, sondern werden in kommerziellen Anwendungen eingesetzt. JD.com erklärte 2026, dass mehr als 70.000 Händler digitale Menschen für Livestreams nutzen. Die Avatare können Produkte vorstellen, Kundenfragen beantworten und dauerhaft verfügbar sein. Nach Unternehmensangaben liegen die Kosten deutlich unter denen menschlicher Moderatoren.

China gilt seit Jahren als Vorreiter im Livestream-Commerce. Entsprechend groß ist dort die Bereitschaft, neue Technologien in bestehende Formate zu integrieren. Das bedeutet allerdings nicht automatisch, dass sich derselbe Ansatz weltweit durchsetzen wird. Nutzerverhalten, Marktstrukturen und rechtliche Rahmenbedingungen unterscheiden sich erheblich. Dennoch liefern die chinesischen Erfahrungen einen seltenen Einblick in die Frage, wie digitale Hosts in der Praxis eingesetzt werden können – und wie Nutzer auf solche Angebote reagieren.
Während chinesische Plattformen virtuelle Moderatoren testen, konzentrieren sich große Technologiekonzerne auf einen anderen Bereich. Google stellte auf seiner Entwicklerkonferenz I/O 2026 neue Funktionen rund um Gemini vor, darunter Gemini Live und Gemini Spark. Die Systeme sollen Informationen zusammenführen, Nutzer bei Aufgaben unterstützen und verschiedene Dienste miteinander verbinden.
Auch Microsoft betrachtet sogenannte Agentic-AI-Systeme als wichtigen Schwerpunkt seiner Softwarestrategie. Im Mittelpunkt stehen Anwendungen, die stärker auf Gespräche reagieren und Nutzer durch einzelne Arbeitsschritte begleiten können. Dabei handelt es sich nicht um Livestream-Moderatoren oder virtuelle Verkäufer. Dennoch verfolgen die Projekte ein vergleichbares Ziel: Die Kommunikation mit digitalen Diensten soll direkter und dialogorientierter werden. Statt durch Menüs zu navigieren, formulieren Nutzer eine Anfrage und erhalten Unterstützung bei der weiteren Bearbeitung.
Dabei beschränkt sich die Entwicklung nicht auf die reine Aufgabenbearbeitung. Unternehmen arbeiten zunehmend auch an Systemen, die Stimmungen, Tonlagen und emotionale Signale erkennen und darauf reagieren können.
Ein Blick auf die globale Nutzerlandschaft zeigt, dass sich die Entwicklung nicht überall gleich vollzieht. China setzt seit Jahren stark auf Livestream-Commerce und integriert neue Technologien vergleichsweise schnell in bestehende Plattformen. Digitale Hosts treffen dort auf einen Markt, der bereits an Live-Formate gewöhnt ist. In den USA stehen Creator-Plattformen, Streaming-Dienste und KI-Assistenten stärker im Vordergrund. Viele aktuelle Agentenprojekte stammen von amerikanischen Technologieunternehmen.

Europa verfolgt einen vorsichtigeren Kurs. Datenschutz, Regulierung und rechtliche Vorgaben prägen die Diskussion über künstliche Intelligenz und digitale Plattformen stärker als in vielen anderen Regionen. Gerade diese Unterschiede machen das Thema interessant. Sie zeigen, dass technische Möglichkeiten allein nicht darüber entscheiden, welche Angebote sich am Ende durchsetzen.
Livestreams, Creator-Plattformen, digitale Hosts und KI-Agenten werden häufig als getrennte Entwicklungen betrachtet. Die vergangenen Monate haben jedoch gezeigt, dass sie sich zunehmend berühren. Ob daraus eine neue Form der Internetnutzung entsteht, lässt sich heute noch nicht sagen. Klar ist lediglich, dass viele Unternehmen an ähnlichen Fragen arbeiten: Welche Rolle spielen menschliche oder künstliche Begleiter künftig im Netz – und möchten Nutzer überhaupt von ihnen begleitet werden?
Eine eindeutige Antwort gibt es darauf derzeit nicht. Auffällig ist jedoch, dass mehrere Märkte gleichzeitig mit vergleichbaren Konzepten experimentieren.