Börsenwissen: Was genau sind Earnings Calls?

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Wer die Aktien amerikanischer Unternehmen kauft, wird mit den dort wichtigen Quartalsberichten vertraut sein, in deren Zusammenhang man auch immer wieder den Begriff „Earnings Calls“ hört. Für schlaue Anleger sind diese Calls ein wichtiger Termin, der die Entscheidung über den Kauf einer Aktie stark beeinflussen kann. Was ist ein Earnings Call und wie genau ein solcher Earnings Call in der Regel abläuft, erfahren Sie hier.

Die Bedeutung von Quartalsberichten in den USA

Während bei deutschen Unternehmen vor allem der Jahresbericht ausschlaggebend für Aktienkäufer und Investoren ist, besitzt in den USA der Quartalsbericht eine weitaus größere Bedeutung, der, wie der Name schon sagt, jedes Quartal veröffentlicht wird. Das Geschäftsjahr beginnt dabei am 1. April und endet am 31. März. Der erste Quartalsbericht umfasst üblicherweise ein Income Statement sowie den Finanzbericht für das gesamte Geschäftsjahr, die Quartalsberichte im Juli, Oktober und Januar liefern die Ergebnisse der ersten drei Quartale.

Wer schlaue Entscheidungen über den Kauf oder Verkauf einer Aktie treffen will und das Anlagegeschäft nicht wie ein Glückspiel behandeln möchte, wartet üblicherweise diese Berichte ab. Sie geben den besten Aufschluss über die Geschäftsentwicklung im jeweiligen Quartal, wobei nicht nur Reingewinn, operatives Einkommen, Bruttoeinnahmen, Nettoumsatz und der Gewinn pro Aktie bekanntgegeben werden, sondern damit auch offensichtlich wird, ob Analysten mit ihren Prognosen zu einem Unternehmen richtig lagen oder deren Zukunftspotenzial falsch bewerteten. Üblicherweise hat die Veröffentlichung des Quartalberichts starken Einfluss auf den Aktienkurs, wie beispielsweise bei Netflix, als der Quartalsbericht Q1/2016 am folgenden Tag die Aktie um 13 Prozent einstürzen ließ, die Q2/2017 Ergebnisse ein Kursplus von 14 Prozent nach sich zogen.

Auswirkungen von Quartalsberichten auf den Aktienkurs

Mit dem Quartalsbericht eng verbunden ist der sogenannte „Earnings Call“ – eine öffentliche Konferenz, die oftmals direkt nach der Veröffentlichung stattfindet, und in deren Rahmen das Management eines Unternehmens sowie alle interessierten Beteiligten wie Anleger, Investoren und Analysten diese Ergebnisse diskutieren. Der „Earnings Call“ fungiert dabei als Basis für eine fundamentale Analyse des Unternehmens.

Die Grundlage des Earnings Calls: Das Safe Harbour Statement

Grundlage für diese Call bildet dabei zunächst ein „Safe Harbour Statement“, das den aktuellen finanziellen Stand des Unternehmens zum Ausgangspunkt für Zukunftsprognosen macht. Diskutiert werden aktuelle Zahlen ebenso wie bestimmte Trends und erkennbare Muster, wobei es jedem Unternehmen selbst überlassen ist welche Informationen es den Investoren zugänglich machen möchte. Teil dieser Trends können beispielsweise Marktanalysen oder die Konkurrenzbeobachtung sein.

Ein wesentlicher Bestandteil eines „Earnings Calls“ ist die Präsentation der relevanten Daten – die wichtigsten Fakten zu einem Unternehmen, Angaben zu Cash-Flow, Gewinn, Umsatz und Bilanzen sowie Gesamtumsatz, Nettoeinnahmen, ausgezahlte Dividenden, Aktiengewinne, Schuldenquote sowie oftmals auch die Bekanntgabe von Marktrisiken. Ist das Unternehmen in rechtliche Verfahren verwickelt, wird auch dies in diesem Zusammenhang bekanntgegeben. Unternehmen geben dabei meist unangenehme Entwicklungen zuerst bekannt und gehen dann zu positiven über.

Vorteile und Herausforderungen von Earnings Calls

Im Anschluss an die Präsentation findet dann eine offene Diskussionsrunde statt, bei der Investoren und Analytiker jegliche Fragen stellen können und das Unternehmen Rede und Antwort steht. Im Anschluss an den „Call“ wird dann eine Pressemeldung veröffentlicht, die alle wesentlichen Informationen enthält und der Öffentlichkeit sämtliche relevante Details auf einfache und positive Weise vermittelt.

Ein effizientes Werkzeug für Transparenz und Analyse trotz möglicher Herausforderungen

Earning Calls Die Vorteile eines „Earnings Calls“ liegen auf der Hand: alle relevanten Informationen werden Investoren auf kurze, übersichtliche Weise präsentiert, ohne dass sie zahlreiche Seiten eines Berichts studieren müssen. Eine Analyse des Unternehmens ist dadurch ebenso schnell wie umfassend möglich.

Ein offener, transparenter Call mag zudem dem Image des Unternehmens zuträglich sein, wenngleich sich das Management auch auf unangenehme Fragen gefasst machen muss. Ein möglicher Nachteil besteht für ein Unternehmen auch in der Kontinuität eines solchen „Earnings Calls“, der Zeit und Aufwand erfordert: ist er einmal etabliert, muss es stets abgehalten werden, damit nicht negative Spekulationen aufkommen, wenn er plötzlich ausfällt. Weitgehend werden „Earnings Calls“ jedoch von der Mehrheit an der Börse befindlicher US-Unternehmen abgehalten: laut Angaben das National Investor Relations Institutes sind sie bei über 90 Prozent üblich.