Am 3. Oktober feiert Deutschland seinen einzigen bundesweiten Nationalfeiertag. Doch warum genau dieses Datum – und nicht der 9. November, als die Mauer fiel? Die Antwort hat mit einer Volksabstimmung, einem Einigungsvertrag und einem dunklen Kapitel der deutschen Geschichte zu tun. 🇩🇪
Was geschah am 3. Oktober 1990?
In der Nacht vom 2. auf den 3. Oktober 1990 trat die Deutsche Demokratische Republik der Bundesrepublik Deutschland bei. Um Mitternacht wurde vor dem Berliner Reichstag die Fahne der Einheit an einem großen Fahnenmast gehisst – begleitet von Feuerwerk, Glockengeläut und Hunderttausenden, die auf den Straßen feierten. Mit dem Inkrafttreten des Einigungsvertrags war die über 40 Jahre andauernde Teilung Deutschlands in zwei Staaten offiziell beendet. Das Grundgesetz der Bundesrepublik wurde auf das Gebiet der ehemaligen DDR ausgedehnt, und aus vier Millionen DDR-Bürgern wurden über Nacht Bürger der Bundesrepublik.
Artikel 2 des Einigungsvertrags legte fest: Berlin ist die Hauptstadt Deutschlands, und der 3. Oktober ist als Tag der Deutschen Einheit gesetzlicher Feiertag. Damit wurde der 3. Oktober zum einzigen Feiertag in Deutschland, der durch Bundesrecht festgelegt ist – alle anderen gesetzlichen Feiertage werden von den einzelnen Bundesländern bestimmt.
Warum nicht der 9. November?
Viele Menschen verbinden die Wiedervereinigung vor allem mit dem 9. November 1989, dem Fall der Berliner Mauer. An diesem Abend öffneten sich die Grenzübergänge, und Tausende DDR-Bürger strömten erstmals seit Jahrzehnten frei in den Westen. Emotional betrachtet wäre dieses Datum die naheliegende Wahl für den Nationalfeiertag gewesen.
Doch der 9. November ist in der deutschen Geschichte doppelt besetzt. Am selben Tag im Jahr 1938 fand die Reichspogromnacht statt, bei der die Nationalsozialisten systematisch jüdische Geschäfte, Synagogen und Wohnungen zerstörten und Hunderte Menschen ermordeten. Einen Nationalfeiertag auf dieses Datum zu legen, hätte den Opfern gegenüber als respektlos empfunden werden können. Aus diesem Grund entschied man sich bewusst dagegen und wählte stattdessen den 3. Oktober – den Tag, an dem die Wiedervereinigung formal vollzogen wurde.
Der vergessene Vorgänger am 17. JuniÂ
Vor 1990 gab es in Westdeutschland bereits einen „Tag der deutschen Einheit“ – allerdings mit kleinem „d“ und an einem anderen Datum. Von 1954 bis 1990 war der 17. Juni gesetzlicher Feiertag in der Bundesrepublik. Er erinnerte an den Volksaufstand in der DDR vom 17. Juni 1953, bei dem Arbeiter und BĂĽrger gegen die SED-Regierung auf die StraĂźe gingen und von sowjetischen Panzern niedergeschlagen wurden.
Mit der tatsächlichen Wiedervereinigung 1990 verlor der 17. Juni seine politische Funktion. Er wurde durch den 3. Oktober als neuen Tag der Deutschen Einheit (mit groĂźem „D“) abgelöst. Seit 1990 ist der 17. Juni kein Feiertag mehr, wird aber in Berlin weiterhin als Gedenktag begangen. Wie unterschiedlich Ost und West politisch bis heute ticken, zeigen regelmäßig die Landtagswahlen in den neuen Bundesländern.
Wie kam es zur Wiedervereinigung?
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs teilten die Siegermächte USA, Großbritannien, Frankreich und die Sowjetunion Deutschland in vier Besatzungszonen auf. Aus den drei westlichen Zonen entstand 1949 die Bundesrepublik Deutschland, aus der sowjetischen Zone die DDR. Berlin wurde in vier Sektoren geteilt, ab 1961 trennte die Berliner Mauer Ost und West physisch.
Die entscheidenden Monate vor der Wiedervereinigung liefen in atemberaubendem Tempo ab. Im Herbst 1989 zwangen friedliche Massenproteste – vor allem die Montagsdemonstrationen in Leipzig – die DDR-Führung in die Knie. Am 9. November 1989 fiel die Mauer. Am 18. März 1990 fanden die ersten freien Wahlen in der DDR statt. Am 1. Juli 1990 wurde die D-Mark in der DDR eingeführt. Im Juli gab der sowjetische Präsident Michail Gorbatschow Bundeskanzler Helmut Kohl grünes Licht für die Einheit. Am 23. August beschloss die Volkskammer den Beitritt zur Bundesrepublik – und am 3. Oktober 1990 wurde er vollzogen.
Wie wird der Tag der Deutschen Einheit heute gefeiert?
Der 3. Oktober ist ein gesetzlicher Feiertag in allen 16 Bundesländern. Geschäfte bleiben geschlossen, Schulen und die meisten Betriebe haben frei. Jedes Jahr richtet ein anderes Bundesland die zentrale Feier aus – traditionell dasjenige, das gerade die Bundesratspräsidentschaft innehat.
Das HerzstĂĽck der offiziellen Feier ist das BĂĽrgerfest, ein mehrtägiges Programm mit BĂĽhnen, Ländermeile und Konzerten, zu dem alle Bundesländer und die Verfassungsorgane eingeladen sind. 2026 ist Bremen Gastgeber und feiert vom 2. bis 4. Oktober unter dem Motto „Viele Stärken – ein Land“ – mit den Fantastischen Vier auf dem Domshof, einer Lichtinszenierung an der Weser und kostenlosem Ă–PNV im gesamten VBN-Gebiet.
Parallel findet das offizielle Staatsprogramm statt: ein ökumenischer Gottesdienst und ein Festakt mit den Spitzen aus Politik, Justiz und Wirtschaft. Beide werden live im Fernsehen übertragen. Daneben feiern viele Städte den Tag mit eigenen Veranstaltungen, Festen und Konzerten.
Fazit: Warum der 3. Oktober mehr als nur ein freier Tag ist
Der 3. Oktober erinnert an den Moment, in dem aus zwei deutschen Staaten wieder einer wurde. Dass nicht der emotional stärker besetzte 9. November gewählt wurde, zeigt, wie bewusst Deutschland mit seiner Geschichte umgeht. 36 Jahre nach der Wiedervereinigung feiert Bremen als Gastgeber ein Bürgerfest, das Ost und West, Tradition und Gegenwart zusammenbringt.